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Die Familie Moszkowicz
Einführung
in die Familie
Imo
Moszkowicz wurde am 27.Juli 1925 geboren.
Er lebte mit seinem Vater Benjamin, seiner Mutter Sara und
seinen
sechs Geschwistern Hermann, David, Aron (Amo), Rosa, Gisela
in
der Zechenstadt Ahlen in Westfalen. Sie lebten in sehr
ärmlichen
Verhältnissen. Sein Vater stammte aus Moskau/Russland. Nach
dem
Ersten Weltkrieg kam er als russischer Kriegsgefangener nach Westfalen,
dort arbeitete er als Bergbau- und Zechenarbeiter. Nach einem
Arbeitsunfall verdiente er seinen Lebensunterhalt als
Schuhmacher/Flickenschuster. Imos Sara Mutter stammt aus Polen.
Sein Bruder Aron, auch Amo genannt, ist der Zwillingsbruder von Imo.
Zusammen mit seinem älteren Bruder Hermann baute Imo ein
Kasperletheater. Dort haben sie für die Nachbarskinder
regelmäßig Vorführungen gegeben. Imo
besuchte die
jüdische Mittelschule in Hamm und später "die
jüdische
Volkshofschule (dort) hatte er einen hochverehrten Lehrer und
Gemeindedekantor, der ihm Goethe nahe brachte". Er galt als musikalisch
und sehr fromm. Zu dieser Zeit wollte Imo noch Rabbi werden. Nur um
Gott zu zeigen, wie wichtig ihm die Bibel ist. In Ahlen lebten viele
Menschen aus den verschiedensten Nationen. An diese Zeit hat Imo noch
schöne Erinnerungen. Doch es sollte bald eine grausame und
erniedrigende Zeit folgen.
Das Leben während der NS-Zeit
Als
sich das NS-Regime an die Spitze
Deutschlands setzte, hat sich das Leben der Juden in Deutschland
drastisch geändert. Die Nationalsozialisten verboten den
Kindern
mit Juden zu spielen. Es war die Zeit, in der viele Menschen die Juden
als niederes Volk angesehen haben, sie haben Juden bespuckt und sie
schlecht gemacht. In dieser Zeit musste die Familie Moszkowicz um ihr
Überleben kämpfen. Sie haben schnell erkannt, dass
sie
Deutschland verlassen mussten. Weil sich die Lage immer mehr zuspitzte,
haben sie sich jeden Tag auf eine Ausreise vorbereitet. Der einzige
Mensch, der ihnen half, war „Tante Treschen“, eine
Nachbarin; sie hat die Familie immer mit neuen Informationen versorgt.
Sie erfuhr viele Neuigkeiten, weil sie als Putzfrau bei einem Arzt
arbeitete, der enge Kontakte mit dem NS-Regime pflegte. Teilweise half
sie der Familie auch mit Lebensmitteln aus. Für diese Courage
bedankte sich Imo bei ihr, indem er in Israel hundert Bäume
pflanzen ließ.
Außerdem setze er sich dafür ein, dass ein Platz in
Ahlen
nach ihr benannt wird. Vater Benjamin hatte für seine ganze
Familie eine Einreiseerlaubnis in Argentinien beantragt, weil dort
seine Schwester lebte. Als 1938 zunächst
nur seine
Einreiseerlaubnis kam, reiste Benjamin daraufhin sofort nach
Argentinien mit der Abmachung, dass sie sich alle beim ersten
Passahfest nach dem Krieg in Ahlen treffen wollten. Doch leider kam die
Einreiseerlaubnis für den Rest der Familie zu spät.
Die "Reichskristallnacht" im gleichen Jahr hatte all ihre Hoffnungen
zerstört. Die vom Vater gesandten Schiffpapiere und
Pässe
fielen beim Überfall auf die Wohnung der SA in die
Hände.
Später wurde die Familie gezwungen nach Essen umzuziehen. Wenn
man
Imo Moszkowicz heute nach dieser Zeit fragen würde,
würden
manche erstaunt feststellen, dass er ohne Hass daran
zurückdenkt.
Er gibt den Deutschen auch keine Kollektivschuld für das
Verhängnis seiner Familie. Am 21. April im Jahre 1942
passierte
mit der Familie Moszkowicz das, was den meisten Juden passierte: Sie
wurden auf Anordnung der NS-Führung ins Konzentrationslager
Auschwitz deportiert. Imo Moszkowicz hat seine Mutter und seine 4
kleineren Geschwister im Essener Hauptbahnhof im April 1942
zum
letzten Mal gesehen. Von dort wurden sie in ein Arbeitslager
transportiert. Imo Moszkowicz hat noch heute den lang anhaltenden
Schrei seiner Mutter bei der Abfahrt des Zuges in den Ohren. In
Auschwitz wurden sie vergast. Imo und sein Bruder Hermann wurden im
März 1943 ins KZ Buna/Monowitz deportiert, dort mussten beide
Zwangsarbeit für die IG Farben leisten. "Eine andere Rampe,
nämlich die von Birkenau, wurde dem jüngeren Bruder,
David,
zum Verhängnis. Auf der Rampe von Birkenau hatte sich David
gegen
den eisigen Wind schützend den Mantelkragen hochgeschlagen und
als
ein SS-Mann ihn mit der Gerte schlug, schlug David zurück." Er
wurde sofort erschossen. Im KZ lernte Imo seine Gefühle
abzuschalten, nur um zu überleben.
Er diskutierte oft mit Eli Wiesel, mit dem er zusammenarbeitete und die
beiden haben sich darüber Gedanken gemacht, was Gott mit der
Judenverfolgung bezwecken wollte. Er hat immer in der Hoffnung gelebt,
dass es bald aufhört. An diese Hoffnung klammerten sich viele
Häftlinge, doch leider wurden sie im Stich gelassen. Imo hat
in
ständigem Selbstzweifel gelebt. Imo Moszkowicz entdeckte seine
schauspielerische Begabung während er vor den
Häftlingen auf
den von den IG-Farben verordneten "Bunten Abenden" im KZ Auschwitz und
Buna auftrat. Auf diesen Abenden konnte ein jeder seine Freiheit
genießen. 1945 wird er am Kriegsende von der Roten Armee in
Liberec/Reichenberg befreit. Noch heute versucht er eine Antwort von
Gott zu bekommen für all die Qualen, die die Juden erlitten
haben:
"Es müssen schon mehrere Paradiese sein, da ein einziges nicht
groß genug ist für all jene, die sich durch
unverschuldetes
Leid einen Platz darin erlitten haben."
Sein Leben auf der Bühne und hinter der Kamera
Eine
Leidenschaft wird geweckt
Als
Imo als "freier" Mann nach Ahlen
zurückkommt, erhält er einen Job in der
Stadtverwaltung.
Wenige Wochen nach Imos Befreiung spielte er schon an der Jungen
Bühne Warendorf und am Westfalentheater Gütersloh.
Bei den
ersten Aufführungen brachten die Zuschauer noch selbst
Briketts
mit, damit sie den Saal heizen konnten und das Bühnenbild und
die
Kostüme wurden auch eigenständig von den
Schauspielern
angefertigt. Imo genoss seine neu gewonnene Freiheit in vollen
Zügen.
Danach zeigte er in der Dumont-Lindemann Schauspielschule in
Düsseldorf sein Können. Doch schon kurz darauf
heuerte er bei
Gustav Gründgens an, der Imo nach dem Vorsprechen sofort als
Regieassistent unter Vertag nimmt. Gustav Gründgens erkannte,
ohne
ein Wort zu verlieren, das Schicksal des damals noch jungen Imo
Moszkowicz. "Es ist kein Weiß waschen eines oft gescholtenen
Theatermannes, was Imo Moszkowicz, Auschwitz-Überlebender,
betreibt. Denn Moszkowicz hält für verwunderte Frager
seine
Gegenfrage bereit:
"Als der Mut so müde durch das Tausendjährige Reich
schlich,
wer zeigte da annähernd soviel Courage wie G. G.? Gerhart
Hauptmann weinte erst, als Dresden brannte, Richard Strauss
vergaß seinen Hofmannsthal, und Gottfried Benn
wußte auch
nichts in Sachen Humanitas nachzufragen."
Sie arbeiteten zusammen am Düsseldorfer Schaupielhaus. Imo
bewundert Gründgens und er lernte neun Jahre von ihm, obwohl
er
als künstlerischer Repräsentant der Nazis galt, aber
Imo
Moszkowicz sah ihn ihm nur seine Arbeit und einen bemerkenswerten
Regisseur.
Seine nächste Station war das Berliner Schillertheater. Dort
genoss er die Unterstützung von Fritz Kortner. Er
erzählte
ihnen aber nichts von seiner Vergangenheit und über sein
Schicksal, denn er wollte keinen Bonus bekommen, er wollte sehen wie
Leute auf seine Arbeit reagieren die unvoreingenommen sind und nicht
aus Mitleid seine Aufführungen besuchen. Später
arebitete er
als Regisseur und Schauspieler bei den Kammerspielen in Santiago de
Chile.
Des Weiteren arbeitete er noch im Habimah-National-Theatre in Tel Aviv,
dort inszenierte er das erste Stück eines deutschsprachigen
Autors, nämlich Siegfried Lenz´ "Zeit der
Schuldlosen" und
er war noch am Pro Arte Künstlertheater in Sao Paulo unter
Vertrag.
Imo Moszkowicz war ein Pionier seiner Zeit, es scheint fast so als
hätte er durch seine Lustspiel-Inszenierungen die Qualen von
damals weggelacht. Er hat in Deutschland über 100
Bühnenaufführungen inszeniert und er hat bei
über 200
Fernsehfilmen und Fernsehserien mitgewirkt. Er galt als begnadeter
Regiesseur, der sich immer wieder ehrgeizig für seine Werke
einsetzte. Als Leiter der Kreuzgangspiele in Feuchtwangen errang er
großes Ansehen.
Imo Moszkowicz lebt nun seit über 30 Jahren mit seiner Frau
Renate
Dadies, die er 1956 geheiratet hat, seinen 2 Kindern und 2 Enkelkindern
in Ottobrunn, wo er vor einigen Jahren das "Podium des Wortes"
gründete. Er zählt auch noch heute zu den
bedeutendsten
Vertretern in der Fernsehgeschichte. Er gilt als Mann der ersten Stunde
was die Fernsehinszenierungen angeht. Gerade dadurch, dass er so viel
herumgekommen ist, ist er sehr erfahren, er weiß was die
Leute
sehen wollen und wie sie auf einzelne Szenen reagieren. Dabei helfen
ihm auch seine guten Menschenkenntnisse, die er in all den Jahren
sammeln konnte. Würde man ihn heute fragen, wie er die Zukunft
des
Theaters sieht, würde er folgendes sagen: "Es ist die
vornehmste
Pflicht des Regisseurs, zuerst einmal das Thema des Stücks
herauszuarbeiten, bevor er sich in selbstgefälligen
Variationen
verliert, die Inhalte zerstörend und oftmals
ungenießbar
machend."
Imo Moszkowicz war auch ein begabter Redner, er hielt zum Beispiel 1993
eine Rede in seiner alten Gemeinde, das Publikum war begeistert. Er
schrieb auch einige Reden, die sich mit der NS-Zeit
beschäftigten,
weil er natürlich bestens über ihre Methoden und ihre
Vorgehensweise Bescheid wusste. In seinen Reden beschreibt er sehr oft,
wie lähmend die Aussichtslosigkeit für die
Häftlinge
war.
Imo Moszkowicz hat zahlreiche Auszeichnungen erhalten. Ihm wurde die
Ehre zu Teil, den Oberbayerischen Kulturpreis verliehen zu bekommen.
Des Weiteren bekam er als zweiter Deutscher den »Scopus
Award«. Im Münchner Cuvilliés Theater
würdigte
ihn der israelische Botschafter in Berlin, Shimon Stein, am 26. Oktober
2002. Er bekam den »Scopus Award« für
seine
großen Verdienste als Regisseur, Schauspieler und Intendant
an
fast allen großen Opern- und Schauspielhäusern in
Deutschland, Österreich und der Schweiz. Die Verbundenheit mit
der
Hebräischen Universität Jerusalem war ein weiterer
Grund
für die Auszeichnung.
"Der grauende Morgen"
Die
Entstehungsgeschichte und
persönliche Impressionen
Imo Moszkowiczs Buch "Der grauende Morgen" ist seine Autobiographie,
die im Jahre 1997 im Boer Verlag erschien. Sie ist wie ein Roman
aufgebaut und ohne chronologische Reihenfolge. Man taucht ein in eine
Welt voller Erinnerungen. Man muss das Buch sehr sorgfältig
lesen,
weil man sonst den Zusammenhang nicht versteht. Nur einen kleinen Rat
gibt Imo Moszkowicz: "Heute weiß ich, dass ich mich auf der
Rampe
verschloss, mein Herz zumachte. Nichts durfte mich von nun an
berühren. Ich versuchte mich schmerzunempfindlich zu machen.
Der
Sentimentalität befahl ich, sich nicht bemerkbar zu machen,
den
Tränen ebenfalls."
Er beschreibt die Szenen auf der Rampe, in den Konzentrationslagern und
in der Progromnacht peinlichst genau ohne auch nur ein Detail zu
vergessen. Er hat wahrscheinlich versucht, damit auch ein Teil seiner
Erinnerungen zu vergessen oder sich zumindest davon zu befreien. Man
merkt, wie er gelitten hat. Es sieht fast so aus, als wenn Imo
Moszkowicz bei dem Festhalten seiner Erinnerungen all die Qualen
nochmals durchlebt hat. Leider hat die zweite Ausgabe mehr
Rechtschreibfehler als die Erstausgabe und es wurden auch keine
Korrekturen an falschen Eigennamen vorgenommen.
"Immer lebe ich in diesem Missverständnis, das mich im Umgang
mit
dem Phantastischen zwingt, stets das Reale darin zu suchen und
umgekehrt im Realen, das Phantastische."
(Imo Moszkowicz, bei seiner Lesung im Kulturgut Haus Nottbeck am 21.
und 22 November 2003)
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Hier hören Sie eine kurze
Einführung. (0.27 min./mp3)

Während
einer Lesung in
Münster, im November 2002
Quelle:www.juedische-
literaturwestfalen.de

Benjamin
und Sarah Moszkowicz mit ihren sieben Kinder (1937)
Quelle: www.juedische-
literaturwestfalen.de

Ein
begabter Redner - Mit Eleonore Weisgerber bei den Dreharbeiten zu
»Vivatgasse 7«, einer Serie des
Süddeutschen Rundfunks
(1980-1981)
Quelle: www.juedische
literaturwestfalen.de
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