Jüdische Lebenswege in Westfalen
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Inhaltsangabe zum Roman "Joden, Moffen en Kaaskoppen"

In dem Auszug „Den Absprung verpasst“ des Romans „ Joden, Moffen en Kaaskoppen“ erzählt Erich Gottschalk die Geschichte einer deutschen, jüdischen Familie im niederländischen Exil, verwoben mit einer Liebesgeschichte, wie Erich Gottschalk sie selbst erlebt hat.

Auszug aus dem Roman: "Joden, Moffen en Kaaskoppen"

Kapitel: Den Absprung verpasst

"... Im September 1938, als Hitler von der Tschechoslowakei das Sudentenland forderte und ein Krieg drohte, betrat Hugo Blum zum ersten Mal das Konsulat der Vereinigten Staaten. Misstrauisch gegen jede Obrigkeit verschwieg er dabei den Besitz von einigen zehntausend Gulden, eine Summe, die ihm alle Türen geöffnet hätte. Ihm wurde erklärt, dass er einen Bürgen in Amerika benötige, der gegebenenfalls für seinen Lebensunterhalt eintreten müsse. Man riet ihm von der Einwanderung ab, da er kein Handwerk erlernt habe und als Kaufmann ohne Englischkenntnisse wohl keine Aussichten habe.

Am 30. September kehrte der britische Premierminister Chamberlain aus München nach London zurück mit der Botschaft: Frieden in unserer Zeit! Wie viele andere zögerte auch Hugo Blum. "Was ist los mit dir?" meinte Margot, seine Frau, "Du weißt, dass der Frieden nicht lange halten wird. Du verschließt die Augen so wie alle Anderen." Auch 1938 fuhren die Schiffe nach New York ohne die Familie Blum. Eine Woche später, am 9. November 1938, erschoss ein jüdischer Flüchtling in Paris den deutschen Gesandten von Rath. In ganz Deutschland brach nun ein Pogrom los, das als "Kristallnacht" in die Geschichte eingegangen ist: zersplitterndes Glas, [ ... ] Brandstiftung, Plünderungen, Raub und Mord. Und die Polizei verhaftete nicht die Täter, sondern die Opfer und brachte sie in die Konzentrationslager. Unter ihnen befand sich auch
Hans Kahn, ein Onkel von Margot Blum aus Bad Brückenau.

Nachdem man seine Haustür eingetreten hatte, wurden Hans und Ruth Kahn nach draußen geknüppelt. Drei SS-Leute nahmen Hans Kahn mit. Als Ruth ihrem Mann folgen wollte, bildete die Menge einen DREIGENDEN Kreis um sie. Die Scherben der zerschlagenen Fensterscheiben lagen auf der Straße. "Wenn die Juden Dreck machen, sollen sie ihn auch wieder wegräumen" rief ein Junge in
Uniform der Hitlerjugend. Ein Nachbar holte einen Eimer und Ruth wurde gezwungen, die Scherben einzusammeln. Ein anderer Nachbar brachte ihr Handfeger und Kehrblech, wohl in einem Anflug von Mitleid mit ihren blutigen Händen. Aber als er Ruth auf den Knien die Straße fegen sah, musste auch er wieder lachen. Zitternd vor Angst durfte Ruth schließlich in ihre geplünderte Wohnung zurückkehren.

Am folgenden Tag erschienen beide Nachbarn, entschuldigten sich und baten ihre Hilfe an. "Ich weiß wirklich nicht, was in mich gefahren ist", sagte der eine Nachbar. "Vielleicht hatten wir selber Angst", sagte der andere. Ein junger Mann in Margots Alter, der als Kind häufig mit ihr auf der Straße gespielt hatte, kam auch zu Besuch. "Sehen sie her, was ich mache, Frau Kahn"; sagte er und zerriss vor ihren Augen seinen Parteiausweis. Drei Tage später kam der Mann noch einmal und berichtete, dass Hans Kahn im Konzentrationslager Oranienburg einsaß. Ruth fuhr nach Berlin.

Jüdische Freunde nannten ihr eine Möglichkeit: die diplomatische Route nach Lateinamerika. Gegen Bezahlung erteilte das Konsulat der Dominikanischen Republik ein Visum für dieses Land auf den Namen von Hans Kahn. Es diente nicht wirklich dem Zweck der Einreise, wurde aber von den deutschen Behörden als gültiges Dokument anerkannt und man ließ ihn aus dem Konzentrationslager frei. Hans und Ruth Kahn kehrten nach Bad Brückenau zurück und bemühten sich um einen Termin bei der örtlichen Parteidienststelle. "Wen ihr dort trefft, ist völlig egal", hatten die Freunde in Berlin gesagt, "sie sind sowieso alle korrupt. Es kommt darauf an, euern Besitz möglichst vorteilhaft durch drei zu teilen: den Staat, den Parteibonzen und euch. Dann könnt ihr ganz legal möglichst viel mitnehmen."

Aber wohin gehen? Hans und Ruth wussten, dass die niederländische Regierung die Grenze für Flüchtlinge geschlossen hatte. Ihr Hilferuf erreichte Hugo Blum am Dienstag, dem 29.November 1938. Drei Tage später hatte Hugo herausgefunden, dass der Bürgermeister von Culemburg, einem Städtchen südlich von Utrecht, einigen Flüchtlingen die Niederlassung erlaubte. Er pachtete von der Kommune ein altes Bauernhaus mit etwas Weideland und trug die Einreisepapiere für Hans und Ruth Kahn zusammen. "Warum ziehen wir nicht auch dort ein?" fragte Margot. "Ich bin kein Bauer" antwortete Hugo, "das ist was für Willy, hier seinem Onkel und seiner Tante bei der Arbeit zu helfen." "Nur wenn ihr mitkommt", sagte Willy. Schließlich willigte Hugo ein. Er dachte daran, dass ein Bauernhof eine gute Tarnung war für seine Unternehmungen, die durch die Zuspitzung der internationalen Lage immer stärker illegalen Charakter bekamen. Auch fürchtete er, dass Onkel Hans und Tante Ruth mit viel Gepäck in Holland ankommen würden. Er sollte Recht behalten. Der Parteifunktionär hatte sogar den Abtransport der Möbelstücke erlaubt, die nach der Kristallnacht noch übrig waren.

Das Ehepaar kam kurz vor Jahresende in Amsterdam an. Das alte Bauernhaus in Culemburg, das eigentlich zum Abbruch bestimmt war, wurde ein bisschen aufgemöbelt und für die ganze Verwandtschaft eingerichtet. Als Hans und Ruth sich am Dienstag, 3. Januar 1939, auf dem Rathaus zu Culemburg meldeten, begrüßte der Bürgermeister sie persönlich. "Wir sind hier brave Käseköppe", sagte er, "und sie können als Juden hier ganz normal leben. Aber lassen sie sich auf keinen Fall zu Diskussionen über Politik oder Religion hinreißen. Und geben sie ihr bestes, um Niederländisch zu lernen." Es folgten einige glückliche Monate. Willy und sein Onkel Hans kauften zehn Kühe und betrieben gemeinsam die Landwirtschaft. Sogar Hugo half dabei, wenn er nicht gerade geschäftlich in Amsterdam zu tun hatte. Was das genau für Geschäfte waren, darüber sprach er nicht. "Hugo weiß, was er tut", sagte Willy. "Die letzten Jahre habe ich deiner Tante auch nicht alles erzählt", sagte Onkel Hans. "Hugo träumt immer noch von Amerika", sagte Hugos Mutter. "Das will ich auch hoffen", meinte Margot, "die einzige Sorge, die wir hier haben ist der Kasten dort" und schaute auf das Radio. Darin wurde in den neuesten Nachrichten berichtet, dass für die jüdischen Flüchtlinge aus Deutschland in einem Heidegebiet in Drente ein Lager eingerichtet werden solle.

Gemeint waren die Flüchtlinge, die sich bereits in Holland aufhielten. Die Regierung Colijn hatte die Grenze endgültig geschlossen. Goseling, einer der Minister, erklärte warum: "Ein Konzentrationslager bedeutet keine Lebensgefahr." "Deshalb bauen sie jetzt selber eines", sagte Margot verächtlich. Die andere schwiegen. Die kleine Miriam kletterte auf den Schoß ihrer Mutter. Margot war wieder schwanger. Sie fuhr fort: "Als Miriam geboren wurde, sind wir aus Deutschland geflüchtet. Ich habe nichts dagegen, jetzt aus Holland zu flüchten." Hugo ging noch einmal zum amerikanischen Konsulat und anschließend zu einer jüdischen Hilfsorganisation. "Solange sie hier ein Auskommen haben, können wir ihren Namen nicht auf die Liste setze. Unser Kontingent ist auf Jahre hin ausgebucht. Melden sie sich für das neue Lager Westerbork. Von dort aus haben sie vielleicht eine größere Chance, denn dort will man sie loswerden." Hugo wurde klar, dass er und seine Angehörigen nur auf eigene Faust herauskommen würden, bevor in Europa der Krieg ausbrach. Dass ein Krieg unabwendbar sein würde, davon war er von Tag zu Tag mehr überzeugt.

Nach der Übernahme des Sudetenlandes 1938 besetzte die Wehrmacht im März 1939 die restliche Tschechoslowakei. Churchill wiederholte seine Drohungen gegen Hitlers Aggressionen. England war ganz und gar in die Sache verwickelt und Chamberlain gab eine Garantieerklärung für die Freiheit Polens, jenes Landes, das sich bei der Besetzung des Sudetenlandes von Hitler selber Gebietsteile hatte zuweisen lassen. In Russland wurde der jüdische Außenminister Litwinow durch Molotow ersetzt. Litwinow hatte auf eine Zusammenarbeit mit England und Frankreich hingearbeitet und Handelsabkommen mit der Tschechoslowakei geschlossen, des Landes, das nun von den Alliierten verraten wurde. Stalin kam zu dem Schluss, Litwinow habe versagt. Molotow suchte die Zusammenarbeit mit Deutschland. Am 22. August 1939 fand in Moskau ein Gespräch zwischen dem deutschen Außenminister Ribbentrop und Stalin statt. Am folgenden Tag unterzeichneten Deutschland und Russland einen Nichtangriffspakt.

Am 1. September fiel die deutsche Wehrmacht in Polen ein. Am 3. September erklärten England und Frankreich Deutschland den Krieg.
An jedem denkwürdigen Sonntag kamen Max und Lotte Kahn aus Utrecht auf den Bauernhof in Culemborg. Max berichtete, dass er nach monatelanger Hin- und Herschreiberei nun endlich Nachricht aus Amerika von einem alten Freund aus Jugendtagen erhalten habe. Dieser wolle sich darum bemühen, einen Bürgen für Max und seine Familie zu finden. Er schrieb: "Ich selber komme hierfür nicht in Betracht, da ich die amerikanische Staatsbürgerschaft noch nicht besitze. Außerdem lässt meine finanzielle Situation es nicht zu. Schreib mir ganz offen über deine eigenen finanziellen Möglichkeiten, und dann werde ich hoffentlich Erfolg haben.“ Max und Lotte hatten zwei Kinder. "Das macht vier", zählte Hugo, "Margot und ich sind bald auch zu viert, das macht acht, meine Mutter, Onkel Hans, Tante Ruth und Willy, das sind zwölf, davon vier Kleinkinder und drei alte Leute. Verdirb dir deine eigene Chance nicht, Max. Beeil dich lieber, mit Lotte und deinen Kindern heraus zu kommen. Erst mal kämpfen die Deutschen in Polen. Holland und Amerika sind neutral. Es ist noch Zeit, vielleicht für uns alle.

Am folgenden Tag besuchte Hugo einen jüdischen Börsenhändler, mit dem er viele Geschäfte gemacht hatte. Hugo sagte: "Ich habe genug für die Überfahrt und für die erste Zeit danach. Ich versichere ihnen, dass ich ihnen und ihren Bekannten in den Vereinigten Staaten nicht zur Last fallen werde." Der Mann schüttelte den Kopf. "Ihr Deutschen wollt gleich flüchten. Meine amerikanischen Freunde werden mich fragen, warum ich selber nicht komme, wenn ich die Lage hier für so ernst halte." "Haben sie noch nicht daran gedacht?" fragte Hugo. "Keine Spur. Bleiben sie doch vernünftig. Gehen sie auf ihren Bauernhof zurück und sie werden sehe, dass wir in Holland alle in Ruhe gelassen werden. "Die Holländer glauben wohl, dass sie unantastbar sind. Aber bei ihnen begreife ich das nicht. Sie wissen doch, zu was die Nazis imstande sind." "In ihrem eigenen Land, ja", erwiderte der Holländer, "und das liegt an der deutschen Mentalität, an den Moffen. In Holland kann so etwas nicht passieren. Darum gehe ich auch nicht auf Wanderschaft. Ihr Freund, der Alfred Mayer, das ist auch so ein Wanderer. Vorige Woche habe ich gehört, dass er Frankreich auch schon wieder verlassen hat und in die Vereinigten Staaten gegangen ist. Warum schreiben sie ihm nicht?" "Habe sie seine Adresse?" Der Mann schüttelte den Kopf. Er war überrascht, dass Hugo keinen Kontakt zu Alfred Mayer hatte. Hugo erklärte ihm den Zusammenhang. Der andere versprach, ihn auf dem Laufenden zu halten. Hugo kam gut gelaunt nach Culenborg zurück. "Hast du etwas erreicht?" fragte Margot. "Ich bin am Ball", antwortete Hugo.

Das Leben auf dem Bauernhof ging weiter. In Utrecht warteten Max und Lotte auf eine Nachricht von dem Freund aus Amerika. Deutschland und Russland rückten von beiden Seiten her in Polen ein bis an die vereinbarte Demarkationslinie. Churchill rief die kleinen neutralen Länder auf dem Kontinent auf, sich den Alliierten anzuschließen, solange noch Zeit sei. Der niederländische Außenminister van Kleffens verbreitete seine Überzeugung, dass die kleinen Länder neutral bleiben müssten. Die einen möchten, dass wir selber in den Abgrund springen, und die anderen wollen warten, bis wir hineingeworfen werden", sagte Margot, "Hugo, wann geht unser Schiff?" Auch das Jahr 1939 endete, ohne das Hugo die Passage gebucht hatte. Am 31. Oktober kam seine zweite Tochter Ilse zur Welt. Im Laufe des Oktobers hatte Hugo die Adresse einer Bank in New York erhalten, über die Alfred Mayer erreichbar sein sollte. Im Februar 1940 kam dann eine Nachricht, Mayer sei nach Chicago umgezogen und man habe sich mit der dortigen Filiale in Verbindung gesetzt, aber noch keine Antwort von Mayer erhalten.

Ebenfalls im Februar konnte Max Kahn seine Ausreisepapiere in Empfang nehmen. Bei sämtlichen Reedereien versuchte er, eine Überfahrt zu buchen. Alle Linien waren restlos ausgebucht. Schließlich reservierte er für sich und seine Familie eine Überfahrt nach New York ab Rotterdam, Abfahrt 21. Mai 1940. Das umfangreiche Reisegepäck war vorab einzuliefern. Max und Lotte verließen am 1. Mai Utrecht, um die letzten Wochen ihres Aufenthaltes in den Niederlanden auf dem Bauerhof in Culemborg zu verbringen. Die ganze Verwandtschaft saß dort zusammen, als am frühen Morgen des 10. Mai ein anhaltendes Dröhnen einen nicht enden wollenden Aufzug von Flugzeugen ankündigte. Das Radio gab bekannt, dass die deutsche Wehrmacht die Neutralität der Niederlande verletzt habe und dass an allen Fronten Widerstand geleistet werde. Vor Verräter wurde gewarnt: alle deutschen Staatsbürger, die sich in den Niederlanden aufhielten,sollten interniert werden. "Das gilt natürlich nicht für uns", sagte Willy. "Da wäre ich mir nicht so sicher", meinte Hugo. "Wenn es so kommt, verpassen Lotte und ich das Schiff', sagte Max. "Wir haben noch elf Tage Zeit und können die Reisepapiere vorzeigen", sagte Lotte. Margot sagte gar nichts und schaute Hugo an. "Niemand von uns hat noch Zeit", sagte Hugo, "wir haben alle wie wir sind den Absprung verpasst."

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