Jüdische Lebenswege in Westfalen
Ein Schülerprojekt des Gymnasium Petrinum Dorsten

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Erich Gottschalk >> Tabellarischer Lebenslauf
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Das Leben im Ruhrgebiet

Als jüngstes Kind der Eheleute Lina und Adolph Gottschalk wurde Erich Gottschalk am 19. März 1906 in Wanne-Eickel im Ruhrgebiet geboren. Die Eltern betrieben einen erfolgreichen Großhandel für "Schaufenster und Zugabe-Reklame-Artikel, Fabrikationen für Kalender, Werbe-Bedarfs-Artikel, Karnevalsartikel und Feuerwerk“. Seine erste Ausbildung als Bankkaufmann die Erich Gottschalk nach Erreichen der mittleren Reife begonnen hatte, musste er abbreche, weil der Ausbildungsbetrieb in Konkurs ging. Im Anschluss daran wurde er bei der Firma "Gebrüder Kaufmann“ in Wanne-Eickel bis 1928 zum Textilkaufmann ausgebildet. Im darauf folgenden Jahr arbeitete Erich Gottschalk bei der Firma "Wächter und Co.“ in Bochum. In der Zeit von 1929-1934 war er im Textilhaus "Knopf“ in Karlsruhe angestellt.

In der Freizeit widmete er sich ausgiebig seinem Hobby, dem Fußballspielen, wie es eine Menge junger Leute des Ruhrgebiets taten. Der beruflich bedingte Umzug nach Karlsruhe ermöglichte ihm die Freizeit außerhalb des Elternhauses kennen zu lernen. Anfang der 1930er Jahre spürte auch Erich Gottschalk die Auswirkungen des gewaltsamen Antisemitismus. Sein Bruder Siegfried Gottschalk, der das Licht der Welt am 27. September 1900 erblickte, flüchtete wegen Repressalien der Nationalsozialistischen Herrschaft mit seiner Familie in die Niederlanden. Zuvor lebte er als Selbstständiger in Dortmund. Aufgrund des Ausscheidens der nicht jüdischen Angestellten und der Flucht des Bruders musste Erich Gottschalk 1934 Aufgaben im elterlichen Betrieb übernehmen.

Im folgenden Jahr verlobte Erich Gottschalk sich mit Rosel Strauß, deren Eltern einen in Bochum ansässigen Viehhandels- und Schlachtereibetrieb besaßen. Die ebenfalls jüdischen Eltern der Braut entkamen erfolgreich den antisemitischen Machenschaften und flüchteten 1937 nach der Eheschließung Erich und Rosel Gottschalks über die Niederlande und England nach Südafrika. Das junge Paar entschied sich trotz der Flucht der Eltern nach Südafrika in Deutschland zu bleiben. 1937 wurde die Ehe von Rosel Strauss und Erich Gottschalk geschlossen und nach jüdischem Ritus gefeiert.

Am 9. November 1938 in der Pogromnacht zerstörten Nationalsozialisten das Geschäft der Familie Gottschalk. Am Tag darauf nahm die Gestapo Erich Gottschalk in Haft und internierte ihn in Oranienburg. Dort wurde er bis zum 11. Dezember festgehalten, da seine Frau erst dann die Emigrationsbescheinigung vorlegen konnte. Gegen Ende des Jahres versuchte die Familie die schon seit längerem geplante Flucht nach Holland. Dort fand sie Unterschlupf in einem Flüchtlingslager in Hoek, später in Bever.


In Holland

Am 10. Mai 1940 fielen die Truppen der deutschen Wehrmacht in die Niederlande ein. Damit war die Ausreise in ein sicheres Land so gut wie unmöglich. Wie es Erich Gottschalk dadurch erging, schrieb er ein Jahrzehnt später nieder:

"Nach dem Einmarsch deutscher Truppen am 10. Mai 1940 kam ich sofort am nächsten Tag in ein deutsches Lager in Holland, nämlich Westerbork. Hier waren nur jüdische Gefangene...“

Vier Jahre voller Bangen um die Deportation "nach dem Osten“ und Hoffen auf die Befreiung vor der unabwendbaren Deportation durch die Alliierten verbrachte Erich Gottschalk in diesem Lager. Bis zum Ende des Jahres 1940 lebten die 140.000 Juden in den Niederlanden verhältnismäßig frei, doch die Bewegungsfreiheit der
Bewohner des Lagers Westerbork wurde stark eingeschränkt.


Ein Leben auf Abruf

Am 21. Juni 1941 wurde Tochter Renee in einer bescheidenen Barackenunterkunft, die die Familie bewohnte, zur Welt gebracht. Nach der "Kristallnacht“ konnten Gottsckalks Eltern ihn nicht mehr wie zuvor unterstützen, da auch sie nach Westerbork interniert wurde. Das war der Beginn der wirtschaftlichen, sozialen und geographischen Trennung der Juden vom Rest der niederländischen Bevölkerung. Um die "Entjudung“ unauffälliger zu machen, richtete man Westerbork, das aufgrund seiner Abgelegenheit sehr gut geeignet war, als Durchgangslager zu Deportationszwecken ein. Im September 1944 verließ der erste Zug das Lager in Richtung der Vernichtungslager im Osten. Von 100.000 Abtransportierten, die in 93 Zügen deportiert wurden, überlebten nur knapp 5.000 den Holocaust. Die Familie Gottschalk erhielt als eine der längeren Bewohner Westerborks einen Sonderstatus und wurde zunächst von der Deportation befreit, jedoch musste sie den Betrieb des Lagers organisieren.

Nach Osten

Die erste Deportation von "alten Kampinsassen“ fand am 14. September 1943 statt. Die Eltern Erich Gottschalks konnten sich bis Januar 1944 vom Abtransport zurückstellen und wurden vermutlich am 18. Januar 1944 in Richtung Auschwitz deportiert. Dort wurden Adolph und Lina am 7. Juli 1944 in die Gaskammer geschickt. Siegfried Gottschalk starb am 28. Februar an Entkräftung auf einem der Todesmärsche. Im September 1944 trennten sich die Wege von Erich, seiner Frau und seiner Tochter, die am 6. Oktober 1944 in der Gaskammer von Auschwitz ermordet wurden.

Davon wusste Erich noch nichts und schreibt über seinen Leidensweg:

"In Westerbork blieb ich bis zum September 1944 und wurde dann in einen Eisenbahntransport unter strenger Bewachung in das Lager Theresienstadt in der Tschechei geschafft. Ich blieb dort bis zum 2. Oktober 1944 und kam dann bis 13. Oktober 1944 nach Auschwitz. Bis Mitte Februar 1945 war ich als Häftling in dem Lager Tschechowitz in Polen.“

Bei seiner Arbeit in dem Lager magerte er auf unter 80 Pfund ab. Während einem der "Todesmärsche“ brach er völlig entkräftet zusammen. Für tot erklärt, warf man ihn in einen Straßengraben. Er konnte überleben und kam bei einem polnischen Bauern unter, wo er Mitte Februar von den vorrückenden russischen Truppen befreit wurde.


Das Leben eines Überlebenden

Nach der Rückkehr aus Auschwitz und anfänglichem Hoffen, seine Angehörigen wieder zu treffen, musste Erich Gottschalk erkennen, dass er der einzige Überlebende der gesamten Verwandtschaft war. Die Weigerung der Niederländer ihn nach seiner Befreiung aufzunehmen, traf ihn schwer. Staatsangehörigkeit und Entschädigung wurden ihm verweigert. Auch eine Berufstätigkeit aufzunehmen gelang ihm in den Niederlanden nicht. Sein Kampf mit deutschen Gerichten wegen der Wiedergutmachung brachte ihm die finanziellen Mittel ein bescheidenes Leben in den Niederlanden zu führen.

Nach einem Aufenthalt bei der Familie seiner Frau im Jahre 1956 kehrte er innerlich zerrüttet zurück. Das Erlebte durch den Nationalsozialismus zeichnete ihn in familiärer, gesundheitlicher und beruflicher Hinsicht. Aus einem amtlichen Gutachten von 1965 geht hervor, dass Erich Gottschalk in geordneten finanziellen Verhältnissen lebte und im Jahre 1961 eine weitere Ehe mit einer Niederländerin eingegangen ist.



Hier hören Sie eine kurze Einführung. (0.33 min./mp3)
Sound



Eltern des Erich Gottschalk 
Lina und Adolph Gottschalk Quelle: Jüdisches Museum Westfalen










Rosel Gottschalk
Rosel Strauß

Quelle: Jüdisches Museum Westfalen




Stammbaum der Familie Gottschalk
Stammbaum der
Familie Gottschalk


















Renee Gottschalk
Renee Gottschalk
Quelle: Jüdisches Museum Westfalen











Rosel und Renee Gottschalk  
Rosel und Renee Go
ttschalk
Quelle: Jüdisches Museum Westfalen












Nachlass Erich Gottschalk
Koffer aus dem Nachlass von Erich Gottschalk
Quelle: Jüdisches Museum Westfalen
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Juni 2005