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>> Tabellarischer
Lebenslauf |
Ein Leben vor dem Krieg
Die Familie Abrahamsohn
Rolf Abrahamsohn ist am 9. Mai 1925 in Marl geboren.
Er hatte drei Brüder, Hans, Norbert und Ludwig Abrahamsohn. Ludwig
ist 1920 geboren, 1922 Hans und 1933 Norbert. Ludwig hatte 1924 in
Iserlohn versehentlich auf eine Herdplatte gefaßt und sich
verbrannt. Aus der Verbrennung zog er sich eine Lungenentzündung
zu und erlag dieser im gleichen Jahr.
Herr Abrahamsohn hatte eine fromme jüdische Mutter und einen
liberalen Vater. Der Vater kam 1908 nach Marl und eröffnete ein
Textilwarengeschäft. Während des Ersten Weltkriegs
musste er es vorübergehend wieder schließen. Im Ersten
Weltkrieg 1914 diente er als Soldat dem deutschen Reich. Für seine
Dienste und besonderen Leistungen bekam er Medaillen verliehen. Die
Mutter ist in Iserlohn geboren und ihre Großeltern kamen aus dem
Sauerland. Herr Abrahamsohns Mutter und Vater haben 1919 geheiratet.
1931, als Rolf Abrahamsohn sieben Jahre alt war, kam er in die
evangelische Schule. Die meisten seiner Freunde waren keine Juden. Sie
verstanden sich prächtig, kamen gut miteinander aus. 1935 kam Herr
Abrahamsohn in eine höhere Schule die er nach 5 Monaten wieder
verlassen musste, da die Schule "judenrein" gemacht werden sollte.
1936 haben die Abrahamsohns überlegt auszuwandern. Doch sie taten
es nicht. Verwandte und Freunde der Familie hatten immer wieder gesagt,
dass dies bald auch mal ein Ende haben müsse. Außerdem
wohnten alle Verwandten in Deutschland.
Die Pogromnacht und ihre Folgen
In der Pogromnacht, die jüdischen Bürger
lehnen den Begriff "Reichskristallnacht" ab, da dieses Wort die Nacht
verharmlost, am 10. November 1938 um sechs Uhr morgens wurde Rolf
Abrahamsohn von den Schreien seiner Eltern geweckt. Die Flammen waren
schon bis in den ersten Stock gekommen, dort wo die Kinderzimmer waren.
Die Abrahamsohns versuchten, auf den Hof zu gelangen, weil die Flammen
von dort kamen. Jemand hatte die Holzrollladen mit Benzin
übergossen und angezündet. Christliche Nachbarn haben nichts
ahnend versucht zu helfen, die Flammen zu ersticken, den jüdischen
Nachbarn zu helfen. Rolf Abrahamsohns Vater hatte noch versucht die
Tür ihres Textilwarengeschäftes zu öffnen, um die
Polizei herein zulassen. Doch die Polizei stand nicht vor der Tür.
Es waren Männer der "SA", die den Vater niederschlugen und das
Haus erneut in Brand setzten. Heute würden diese Männer zur
Rechenschaft gezogen und zu einem Jahr Haft verurteilt. Die
Schuhkartons und die Kleidung in dem Geschäft fingen schnell
Feuer. Durch die Hitze gedrängt, flüchteten die "SA"-
Männer. Rolf Abrahamsohn und seine Mutter zogen den
blutüberströmten Vater noch rechtzeitig aus den Flammen nach
draußen. Der halb bewusstlose Vater wurde über die
Nachbarzäune gehoben und zu ihrem ehemaligen christlichen Hausarzt
gebracht, dort wurde er anderthalb bis zwei Stunden lang verbunden.
Jetzt hatte Rolf Abrahamsohn zum ersten Mal begriffen: "Ich bin ein
Jude".
Der Jude als "Verbrecher" ?
Nachdem der Vater nach dem Brand von einem Hausarzt
versorgt und verbunden worden war, kam die "SA" und brachte die Familie
ins Gefängnis, in "Schutzhaft". Die ganze Familie
einschließlich des kleinen, fünfjährigen Norbert
Abrahamsohn, des dreizehnjährigen Rolf und des
sechzehnjährigen Hans Abrahamsohn, sowie die Eltern saßen im
Gefängnis. Für Rolf Abrahamsohn war diese Zeit eine
Katastrophe. Nur der humorvolle Norbert hielt die Moral der Familie
oben. Bald jedoch wurden sie entlassen, außer dem Vater der
Familie. Der Vater wurde in das Polizeipräsidium in Recklinghausen
eingeliefert und nach acht Tagen wieder entlassen. Während dieser
acht Tage hatte die Stadt Marl den Vater erpresst, sein Geschäft
und das Haus zu verkaufen. Der Vater jedoch blieb hart und so musste
die Familie, die nicht viel Geld besaß, "nur" 9000 Mark für
den Brand zahlen.
Vierzehn Tage nach diesem Vorfall haben die Abrahamsohns Marl
verlassen. Von da an war Marl "judenrein". Rolf Abrahamsohn musste
jetzt in einer Schwefelfabrik arbeiten.
Sein Leben in der Zeit des Krieges
Rolf Abrahamsohn lebte mit seiner Mutter und seinem
jüngeren Bruder bis 1941 in Recklinghausen, wo er bei der Ruhrgas
AG Zwangsarbeit leisten musste. Herr Abrahamsohn fuhr nachts oder
abends nach Marl, um für seine und andere jüdische Familien
Lebensmittel zu holen. Wären er oder andere nichtjüdische
Helfer, erwischt worden, wären sie von den Nazis hingerichtet
worden.
Die Deportation
Nach diesem schweren Schock wollte Rolf mit seiner
Mutter zu seinem Vater und Bruder nach Belgien flüchten, aber
wegen des bevorstehenden Krieges wurde kurzfristig die Grenze
zugemacht. Dann wurden er und seine Mutter nach Riga ins Ghetto
deportiert, wo die Mutter umkam.
Von Riga aus kam Rolf Abrahamsohn ins KZ Kaiserwald, wo er hart
arbeiten musste. Dann wurde er nach Buchenwald in der Nähe von
Weimar transportiert, wo er zwei Monate verbringen musste, danach
anschließend kam er nach Bochum. Die Unterbringung der Juden
erfolgte in einem kleinem Raum, wo an die 20 Personen eingepfercht
wurden. Im Bochumer Verein musste er in 12-Stunden-Schichten Granaten
drehen. Falls man diese Aufgabe nicht schaffte, bekam man Brotentzug,
was bedeutete, dass man eigentlich rein gar nichts mehr zu essen bekam.
Die schrecklichen Erinnerungen an die Toten, die nur halb verdeckt auf
Lastwagen abtransportiert wurden, machen Rolf Abrahamsohn heute noch zu
schaffen. Als dann am 4. November ganz Bochum bombardiert wurde,
versteckte sich Herr Abrahamsohn in einem Zementrohr um zu
überleben, weil es für die Juden keine Luftschutzkeller gab.
Billiges
Arbeitsmaterial: „Juden“!?
Die Lagerinsassen wurden danach zur Suche von
Blindgängern eingesetzt. Für jede freigelegte Bombe gab es
als Belohnung 100 Gramm Brot. Bei der Freilegung der Bomben konnte man
jedoch nicht wissen, ob sie einen Zeitzünder hatten oder nicht und
somit auch nicht, ob die Bombe jeden Moment hoch gehen konnte.
Wenn man sich jedoch weigerte, die Bomben freizulegen, da man damit
rechnen musste, dass jeden Moment eine der Bomben explodieren konnte,
wurde man entweder ins KZ gebracht oder in so genannten Bunkern
zusammengepfercht und eingeschlossen, um dort schließlich elendig
zu verhungern.
Jeder Lagerinsasse, der die Entschärfung von 10 Bomben
überlebt hatte, wurde in die Freiheit entlassen. Da es aber kaum
einen gab, der dies überlebte, brauchten sich die Lageraufseher
keine Sorgen zu machen. Außerdem hatte man durch die Gefangenen,
also die Verbrecher oder Juden, welche sowieso im KZ landen
würden, sehr billige Arbeitskräfte, da diese Menschen 1.
nicht so viel oder gar kein Essen bekommen haben und 2. brauchte man
sich keine Mühe mehr zu machen, sie in den Konzentrationslagern
umzubringen, da Bomben welche beim Freilegen explodierten, diese
Aufgabe erledigten.
Viele der Gefangenen, die dem Stress nicht gewachsen waren, wollten aus
Verzweiflung fliehen. Sie scheiterten aber bei dem Versuch den
Stacheldrahtzaun zu überwinden, da dieser elektrisch geladen war.
Die armen starben an dem Strom und ihren Verbrennungen.
Schritt in die Freiheit
Im Jahre 1944 kam Herr Abrahamsohn mit wenigen Leuten
nach Buchenwald zurück. Er musste unter strenger Aufsicht der
Wachen im Steinbruch arbeiten. Als 1944 Weimar von den Russen
eingenommen wurde, mussten die russischen Kriegsgefangenen, unter die
sich Herr Abrahamsohn gemischt hatte, vom KZ wegtransportiert werden.
Sie saßen 8 Tage ohne Nahrungsmittel im Waggon. Als sie
schließlich in Marienbad ankamen, lebte von den Menschen im
Waggon kaum noch jemand. In Marienbad wurden noch offene Waggons mit
Häftlingen aus Auschwitz an den Zug angehängt. Plötzlich
ging ein Tieffliegeralarm los und die Türen öffneten sich, so
dass Herr Abrahamsohn flüchten konnte.
Nach dem Krieg
60 Jahre nach dem Krieg ist Rolf Abrahamsohn einer
der letzten Zeugen der NS-Schreckensherrschaft. Nachdem er von den
Russen befreit worden, hatte er die Wahl, nach Israel auszuwandern.
Doch als er hörte, dass die Gefahr bestand, von den
Engländern interniert zu werden, entschied er sich für die
Rückkehr in seine deutsche Heimatstadt Marl, wo er sogar in sein
Elternhaus zurückkehrte, in dem fast sein Vater von den Nazis
umgebracht worden war.
Das Leben heute
Sein jetziges Leben ist für Rolf Abrahamsohn
noch immer nicht so leicht, wie er sich das wünscht. Er versucht,
so wenig wie möglich in der Öffentlichkeit präsent zu
sein, da er schon einige schlechte Erfahrungen machen musste.
Darüber hinaus besucht Rolf Abrahamsohn Schulklassen, denen er von
seiner Zeit als KZ-Insasse erzählt. Jedoch verschweigt er aus nur
ihm bekannten Gründen den größten Teil der Erlebnisse.
Nur etwa fünf Prozent aller Erfahrungen dieser Zeit beschreibt er
tatsächlich.
Bis 1995 erzählte er niemandem von seinen schrecklichen
Erinnerungen. Er hat diese Ereignisse halbwegs verarbeitet,
überwunden hat er sie jedoch nicht. Diese Erinnerungen bereiteten
ihm jahrelang schlaflose Nächte, weshalb er auch nur ungern
über diese Zeit spricht.
"Was ich noch will, ist in Ruhe gelassen zu werden und mein Leben, dass
mir noch bleibt leben zu können, ohne von anderen
zurückgewiesen zu werden; ich möchte nicht noch mehr
schreckliche Erinnerungen sammeln (...)".
Er wurde einmal zu einem Vortrag über die Zwangsarbeit im KZ nach
Bochum eingeladen, da er im KZ mit 13 Jahren zwölf Stunden am Tag
in der Granatendreherei arbeiten musste. Was er nicht wusste, war, dass
im Vortragsraum auch einige Neonazis saßen. Diese konnten jedoch
keinerlei Unheil anrichten, da auch die Polizei im Raum präsent
war.
Rolf Abrahamsohn hat mittlerweile keine Angst mehr vor den Nazis, er
ist jedoch vorsichtig geworden. Obwohl er nun keine Angst mehr hat,
fühlt er sich in Deutschland immer noch nicht richtig wohl. Das
kann er nur in Israel, da fühlt er sich keiner Gefahr ausgesetzt.
Außer das Rolf Abrahamsohn mit Schulklassen spricht, hatte er
viele andere Tätigkeiten. Er wollte ursprünglich einen
landwirtschaftlichen Beruf ausüben, was er jedoch nicht tat.
Stattdessen übernahm er das Textiliengeschäft seines Vaters
und verkaufte dort Jeans- und Freizeitmode. Ebenfalls war er lange Zeit
als ehrenamtlicher Vorsitzender der jüdischen Gemeinde in
Recklinghausen, Herne und Bochum tätig.
Als man ihm anbot, in Schulen von der Nazizeit zu berichten, riet ihm
ein befreundeter Jakobiner in Israel, die ehrenamtliche Tätigkeit
zugunsten der Schulbesuche aufzugeben, den Rat befolgte er. Sein Freund
hatte argumentiert, dass es schon ein Erfolg sei, wenn Rolf Abrahamsohn
auch nur einen Schüler von der Falschheit des Nationalsozialismus
überzeugen könne.
Heute ist Rolf Abrahamsohn achtzig Jahre alt und hat eine Frau. Sie ist
aus Berlin und Tochter eines Arztes, in dessen Praxis bis 1943 nur
Juden behandelt wurden. Rolf Abrahamsohn und seine Frau heirateten
1953, sie haben einen Sohn.
Anhang
Bis vor kurzer Zeit weigerten sich die Firmen, Rolf
Abrahamsohn Schadensersatz für seine Zwangsarbeit zu leisten.
Schließlich bekam er doch etwas Geld, das er jedoch sofort
spendete. Sein Kommentar zu dieser Angelegenheit lautete, dass es
lächerlich sei, dass die Firmen dafür so lange brauchten.
Ich denke, dass Herr Abrahamsohn, der schon so viel Schreckliches
ertragen musste, nicht noch mehr solcher schrecklichen Erlebnisse haben
sollte. Er sollte sein restliches Leben in vollen Zügen
genießen dürfen.
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Hier
hören Sie eine
kurze Einführung.
(0.32
min./mp3)


Das Kaufhaus
der
Familie Abrahamsohn
Quelle: www.mlks.marl.de

Die Brüder Abrahamsohn
Quelle: Jüdisches Museum Westfalen

Klassenfoto
Quelle: Jüdisches Museum Westfalen

Rolf Abrahamsohn 1946
Quelle: Jüdisches Museum Westfalen

Rolf Abrahamsohn heute
Quelle: WAZ |